Das gewisse Etwas
WirtschaftsWoche print: Heft 41/2026 vom 01.10.2026, S. 66 / Durch das Land
Wachstum in Krisenbranchen Die Chemiebranche darbt und baut Stellen ab. Der Spezialchemiekonzern Altana aber fährt Rekordgewinne ein. Was machen sie anders? Und kann man da etwas kopieren?
Gebannt beobachtet Claudia Bramlage, wie sich ein schuhkartongroßes Gefährt surrend in Bewegung setzt, an Bord: eine Dose weißer Lack. Auf einer dünnen Metallschiene flitzt es quer durch das Labor, vor jeder Kurve bremst es ab, beschleunigt dann wieder. Als es zum Stehen kommt, wird es schon von einem Roboterarm erwartet. Der tunkt einen Schwamm in den Lack, rollt ihn dann mit schwingenden Bewegungen über ein Stück Pappe - ganz so, als würde ein Mensch eine Wand streichen.
Bramlage, Laborchefin beim Chemiekonzern Altana, schaut zu, analysiert das Ergebnis mit kritischem Blick: Größtenteils hat sich der Lack glatt verteilt, an einigen Stellen aber wirft er kleine Blasen. "Macht nichts", sagt sie achselzuckend, "wir brauchen auch schlechte Ergebnisse."
Gut 200 Mal vollzieht sich dieser Ablauf täglich im digitalen Labor von Altana in Wesel am Niederrhein. Geprüft wird so, ob die Chemikalien dem Lack den gewünschten Effekt verleihen. Wenn nicht, wird weiterentwickelt. Auch dann aber, sagt Altana-Chef Martin Babilas, habe sich der Vorgang gelohnt. Auch Fehlversuche liefern schließlich Informationen. "Daten sind für uns ein sehr wertvolles Gut."
Es ist ein Satz, wie ihn Konzernchefs gerne mal fallen lassen in Zeiten, in denen KI-Firmen mit Daten und ihrer Auswertung das große Geld verdienen. Bei Babilas aber ist es nicht nur ein Bekenntnis.
Erhoben werden Daten bei Altana entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Im Syntheselabor untersuchen die Chemiker, unter welchen Bedingungen neue Verbindungen entstehen. Im Anwendungslabor zeigt sich schließlich, wie sich das daraus entwickelte Produkt in der Praxis bewährt. So schafft Altana, woran zuletzt immer mehr deutsche Unternehmen verzweifeln: neue Produkte schneller zur Marktreife zu bringen als die Konkurrenz - auch die aus China.
Knapp sieben Prozent seines Konzernumsatzes investiert Altana jedes Jahr in Forschung und Entwicklung - mehr als doppelt so viel wie der Branchendurchschnitt. Gerade wird in Wesel wieder angebaut, ein neuer Laborkomplex für 25 Millionen Euro. Er soll noch teurer, noch größer und noch moderner werden als das Labor, das Bramlage seit 2022 leitet.
Altana kann es sich leisten. Im ersten Halbjahr 2026 setzte das Unternehmen 1,7 Milliarden Euro um, drei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Sein Ergebnis konnte das Unternehmen gar um 14 Prozent auf 332 Millionen Euro steigern. Spektakulär werden diese Zahlen im Kontext der Branche: Die deutsche Chemieindustrie steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten. Die schwache Konjunktur, hohe Energiekosten und der Wettbewerbsdruck aus China setzen der Branche zu. Viele Unternehmen streichen Stellen und legen Anlagen still. Zuletzt ging es hauchzart bergauf. Aber auch das: ein Sondereffekt durch den Iran-Krieg.
Kernprodukt Additive
Altana ist abseits von Branchenkreisen kaum jemandem ein Begriff. Und doch allgegenwärtig, wie Babilas demonstriert. Er greift zur Wasserflasche auf dem Konferenztisch. "Wenn Sie auf die Unterseite eines Flaschendeckels schauen, ist die Chance sehr groß, dass die Verschlussdichtung von uns stammt", sagt der Manager. Auch über Autolacke ist Altana im Alltag präsent, das Unternehmen liefert Metallicpigmente, die in den allermeisten Farben beigemischt werden.
Altanas wichtigstes Geschäftsfeld sind sogenannte Additive. Michael Schmidt, Technikchef des Bereichs, führt in das nächste Labor. Schmidt schnappt sich ein Becherglas, vermischt darin die Bestandteile von Lack: Lösemittel als Basis, Harz als Bindemittel, dazu kommen blaue Farbpigmente. Mit einem Spatel beginnt er zu rühren, kommt aber nur schwerfällig voran. Er nimmt eine Pipette und beträufelt die Masse mit wenigen Tropfen von Altanas Additiven. Wieder beginnt er zur rühren. Plötzlich gleitet der Spatel problemlos durch die blaue Masse. "Eine kleine Menge Salz kann den Geschmack einer ganzen Suppe verändern", sagt Schmidt. Ähnlich wirkten Additive: "Obwohl nur winzige Mengen davon in ein Produkt kommen, verändern sie die Eigenschaften grundlegend."
Die Additive finden in zahlreichen Branchen Anwendung: Wird ein Schiffsrumpf lackiert, darf die Farbe nicht nach unten laufen und sich am unteren Rand sammeln. Oder die Verbindung verschiedener Materialien wird verbessert: Bei Windkraftanlagen sind die Rotorblätter enormen Kräften ausgesetzt. Sie müssen widerstandsfähig, aber auch leicht sein. Wieder andere Additive verhindern, dass Lacke beim Auftragen Schaum bilden.
Der Effekt der Additive wird also für jede Anwendung und jeden Kunden spezifisch zugeschnitten. Das macht Altana für viele Kunden unersetzbar, erhöht ihre Zahlungsbereitschaft. Gemessen am Preis der Hauptkomponenten, sind die Kosten für die winzige Menge von Altanas Zusätzen ohnehin günstig. Das ermöglicht hohe Margen: Zuletzt waren es knapp 20 Prozent, damit mehr als bei anderen Spezialchemieherstellern wie Evonik (13 Prozent) oder Lanxess (9 Prozent).
Ein weiterer Vorteil: Wirklich stark ist Altana in keiner Branche vertreten, kein einzelner Sektor steht für mehr als ein Fünftel des Umsatzes. "Wir sind nicht abhängig von einem Markt", sagt Babilas. Läuft es in einer Branche schlecht, kann es häufig eine andere ausgleichen. Zwischen 15 und 20 Prozent des Umsatzes verdient Altana mit der Automobilindustrie. "Das ist ein wichtiger Sektor", sagt Babilas. "Aber unser Wohl und Wehe hängt nicht davon ab." Ausgleichen konnte Altana die Schwäche mit steigender Nachfrage aus der Elektro- und Elektronikindustrie. Die Produkte kommen etwa in Computern, Anlagen für erneuerbare Energien und Rechenzentren zum Einsatz.
Klein, Ohne Cracker
Altanas maßgeschneiderte Lösungen für viele Branchen sind aber nur ein Teil der Erklärung. Ein weiterer lässt sich aus Babilas' Büro erspähen: Hinter der Glasfront liegen die Produktionshallen. Im Vergleich zu den weitläufigen Chemiestandorten der Branche wirken die Weseler Produktionshallen klein. Denn Altana fehlt ein zentrales Element: der Cracker.
In diesen Öfen werden lange Kohlenwasserstoffketten bei hohen Temperaturen in kleinere Grundbausteine zerlegt. Ethylen und Propylen etwa. Anschließend müssen die Stoffe abgekühlt, verdichtet und getrennt werden. Wer einen Cracker hat, kann alle chemischen Grundstoffe selbst erzeugen - muss aber mit horrenden Energiekosten leben. Altanas Kosten liegen hier im niedrigen einstelligen Prozentbereich des Umsatzes. "Das ist eine relevante Größe, aber nicht der entscheidende Kostenfaktor", sagt Babilas.
Die Ausrichtung auf Spezialchemikalien allein sei keine Erfolgsgarantie, warnt Hubert Schönberger, Chemieexperte bei der Beratung BCG. "Das Spezialchemikaliengeschäft birgt das Risiko, sich zu verzetteln." Schnell entstehe "eine Art Gemischtwarenladen", bei dem der Fokus fehle. BASF etwa geht den entgegengesetzten Weg, setzt voll auf Basischemie.
Auch Babilas weiß um die Risiken. Bis 2007 stellte der Konzern neben Spezialchemikalien auch Arzneimittel her. Der Pharmabereich war deutlich größer. Daran störte sich Hauptaktionärin Susanne Klatten. Sie ordnete den Verkauf der Pharmasparte an, konzentrierte Altana auf die Spezialchemie - und kaufte Unternehmensanteile. 2010 übernahm sie Altana vollständig und nahm es von der Börse.
Neben der Fokussierung profitiere Altana von der klaren Eigentümerstruktur, sagt Babilas: "Es ist eine Stärke von Altana, den Weg unabhängig von kurzfristigem Denken und Konjunkturzyklen gehen zu können." So verstärkte sich Altana mitten in der Energiekrise Ende 2023 mit zwei größeren Übernahmen.
Zur Wahrheit gehört allerdings: Der Erfolg des deutschen Chemiekonzerns Altana beruht auch darauf, dass er mit dem deutschen Markt nicht mehr allzu viel zu tun hat. 90 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet Altana im Ausland.
Über den Standort verliert Babilas dennoch kein schlechtes Wort. Viele Entwicklungen und Patente seines Unternehmens kämen von hier, betont er. Auch die deutsche Produktion habe bei allen Absatzschwächen im Land weiter eine tragende Bedeutung, könne im globalen Wettbewerb gut bestehen. Erst Anfang des Jahres hat in Wesel eine neue Produktionslinie den Betrieb aufgenommen. Sie produziert Additive etwa für die Herstellung von Elektroden für Hochleistungsbatterien.
Wachstum durch Regulierung
Neue Chancen sieht Altana auch dort, wo andere vor allem Kosten fürchten: bei der Regulierung. Der Konzern beschäftigt ein Team aus Fachleuten, die tagtäglich beobachten, was auf Kundenindustrien zukommt - um dann die nötigen Produkte herzustellen. Die Abteilung boomt: Vor einigen Jahren bestand das Team noch aus einer Handvoll Menschen, heute sind es Hunderte. Beispiel Verpackungsindustrie: Ab 2030 müssen Verpackungen bestimmte Recyclinganforderungen erfüllen. Altanas Additive helfen, dass sich Bestandteile einer Verpackung nach der Verwendung besser voneinander trennen lassen.
So gut Altanas Wachstumschancen also stehen, in Wesel könnten sie bald an ihre Grenzen kommen. Seit den 1960er-Jahren sitzt das Unternehmen hier, wurde Schritt für Schritt erweitert. So kommt es, dass man bei Altana in einem Gebäude mit ausgeblichenem Vinylboden und mintgrünen Verkleidungen eine Tür öffnet und plötzlich auf schwarzen Hochglanzfliesen steht und durch bodentiefe Fenster blickt. In dem Ensemble aus Treppen, Fluren, Büros und Laboren verirren sich selbst Mitarbeiter.
Laborchefin Bramlage setzt auf Altanas Stärke: Kreativität. Auch für den Neubau des Lacklabors wurde lange nach einem Platz gesucht: Weil die Lackdosen über ein Schienennetz transportiert werden müssen, brauchte es eine ebenerdige, große Fläche. In der Not wurde Altana erfinderisch: Fündig wurde man schließlich auf dem leeren Platz unterhalb des Parkhauses der Mitarbeiter.