„Wir verbinden Leistung mit Gegenleistung“

Die Studienförderung Passo Fundo wurde 1988 von Professor Werner Wittkowski gegründet. Der Verein mit Sitz in Münster verfolgt das Ziel, begabten Brasilianern aus armen Bevölkerungsschichten ein Hochschulstudium zu ermöglichen. ALTANA unterstützt das Projekt. Wir fragten Professor Wittkowski zu den Chancen bedürftiger Jugendlicher auf Bildung.

Herr Professor Wittkowski, wie entstand die Idee, bedürftige junge Brasilianer zu unterstützen?

Die Studienförderung entstand 1988 aus der Kinderhilfe Passo Fundo. Dieser Verein finanziert über Patenschaften die Betreuung von Kindern aus Armenvierteln. Wir übernahmen die Aufgabe, besonders Begabte unter diesen Kindern weiter zu fördern und ihnen ein Studium zu ermöglichen. In Brasilien hat nämlich nur eine gut situierte Minderheit Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Berufsbildung. Neben miserablen öffentlichen Schulen und viel zu wenigen Studienplätzen an staatlichen Universitäten boomt der lukrative Bildungsmarkt mit teuren Privatschulen und privaten Universitäten. Letztere stellen zwei Drittel aller Studienplätze.

Welchen genauen Zweck verfolgt die Initiative?

Wir verbinden bei unserem Projekt Leistung mit Gegenleistung, indem wir junge talentierte Brasilianer durch Vergabe von Hochschulstipendien fördern und von ihnen dafür Engagement in eigenen Sozialprojekten fordern.

Passo Fundo versteht die Stipendiaten als Multiplikatoren für mehr soziale Gerechtigkeit. So ist die Rede davon, die Stipendiaten gleichermaßen zu fördern und zu fordern. Können Sie dies näher erläutern?

In der Tat ist das der entscheidende Punkt unserer Initiative. Die Studenten setzen sich mit den sozialen Problemen ihres Landes und ihrer Stadt auseinander und planen eigenständig ihre Sozialprojekte. Gewöhnlich sind es Arbeiten in Armenvierteln mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen und regionalen Schwerpunkten. Überall steht die Betreuung von Kindern und Jugendlichen an erster Stelle. Unter anderem bieten zwei Gruppen kostenlose Vorbereitungskurse auf die Eignungsprüfung der Universität an. Darüber hinaus haben z. B. Stipendiaten den Bewohnern eines Armenviertels Erwerbsmöglichkeiten verschafft, indem sie eine Kooperative zur Müllverwertung gegründet haben, und werden dafür von der Stadt unterstützt. Mit derart qualifiziertem Einsatz werden unsere Stipendiaten zu Multiplikatoren für nachhaltige Veränderungen. Die Sensibilität für soziale Missstände und die gemeinsame Erfahrung, dass durch Eigeninitiative nachhaltige Wirkung erzielt werden kann, nehmen unsere Stipendiaten mit in ihr Berufsleben.

Sie sprechen von einer vorläufigen und einer endgültigen Aufnahme in das Stipendienprogramm. Wie ist das zu verstehen? 

Zur intensiven Betreuung der Stipendiaten durch unsere Partnervereine gehören die Begleitung der Sozialprojekte sowie die Kontrolle der Studienleistungen. So entscheidet sich in der Regel innerhalb des ersten Jahres, ob die vorläufige in eine endgültige Aufnahme übergeht.

Welchen Stellenwert hat das soziale Engagement von Sponsoren wie ALTANA?

Die Förderrichtlinien öffentlicher Geldgeber in Europa sehen zwar eine Unterstützung für Schul- und Berufsbildungsprojekte vor, aber die Förderung von Studenten wird ausgeklammert. Dabei wird übersehen, dass zu einer nachhaltigen Entwicklung eines Landes die weiter gehende Förderung sozial engagierter junger Menschen dringend erforderlich ist. Daher sind wir auf private Spender angewiesen. Unsere Spendenwerbung bedarf einer sehr persönlichen Information und Überzeugungsarbeit, weil es nicht um eine unmittelbar einsichtige Nothilfe, sondern um nachhaltige Entwicklung geht. Die Zuwendungen durch ALTANA sind für uns von erheblicher Bedeutung, denn sie haben die Ausweitung des Stipendienprogramms ermöglicht.

Welche Projekte wurden mit Hilfe von ALTANA 2009 und 2010 unterstützt?

Durch die Spenden von ALTANA konnten wir jedem unserer vier Partnervereine jeweils ein weiteres Stipendium finanzieren. Wir haben diese Stipendien speziell für Naturwissenschaften ausgewiesen. Zudem haben wir Zuschüsse für das landesweite Stipendiatentreffen 2010 und zu Kosten für Reisen der Vereinsvorstände bewilligen können.

Gibt es bereits gemeinsame Projektideen für die Zukunft?

Wir sind dabei, zusätzlich zu den vier existierenden Stipendiatengruppen eine weitere im Nordosten Brasiliens aufzubauen, weil dort die Armut noch größer ist als in den Städten des Südens. Weiter ist es unser Anliegen, die landesweite Zusammenarbeit und Koordination der Vereine auszubauen. Eine Dachorganisation wurde bereits gegründet. Mit ein wenig Stolz betrachten wir unser Projekt als eine Art Modell für nachhaltige Entwicklung – vor allem der sozialen Gerechtigkeit. Mit vergleichsweise geringem Einsatz an Mitteln und ehrenamtlichem Engagement könnte es in vielen Entwicklungsländern erfolgreich sein.

Wie viele Stipendiaten sind derzeit Teil des Programms? 

Zurzeit sind es 70.

Welche Rolle spielen die Altstipendiaten? 

Wir erwarten von ihnen Einsatz für soziale Gerechtigkeit in Beruf und Gesellschaft, u. a. durch aktive Beteiligung an der Arbeit der Partnervereine und Stipendiatengruppen, eine Beteiligung am Altstipendiaten-Netzwerk mit Kommunikation und gegenseitiger Unterstützung sowie die Rückzahlung der Stipendien. Alle unsere bisherigen Erfahrungen sprechen für die These von Professor Klaus Töpfer, der einmal feststellte: Entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung eines Landes ist nicht „charity“, sondern die Investition in Menschen.