Interview mit Dr. Matthias L. Wolfgruber

Vorsitzender des Vorstands ALTANA AG

Welche Rolle spielen die so genannten weichen Faktoren für die Innovation?

Ebenso wichtig wie die Innovationsstrategie und formelle Innovationsprozesse ist für uns die Innovationskultur. Dies bedeutet, dass wir schnell, flexibel und kreativ sind, dass wir gleichzeitig aber auch diszipliniert arbeiten. Dies widerspricht sich scheinbar: Auf der einen Seite führen wir unsere Forscher an der langen Leine, auf der anderen Seite müssen die am Innovationsprozess Beteiligten in vorgegebenen Strukturen und Prozessen arbeiten. Diese unterschiedlichen Ziele können wir ganz gut miteinander vereinbaren, weil wir kein unbeweglicher Konzern sind, sondern eine Organisation mit flachen Hierarchien, die die Kommunikation über Funktionsgrenzen hinweg fördert und sehr große Offenheit gegenüber Veränderungen zulässt. Die "ALTANA Innovation Conference" trägt zusätzlich dazu bei, dass Forscher und Anwendungsspezialisten der ALTANA Gruppe motiviert werden, sich länder- und geschäftsbereichsübergreifend fachlich auszutauschen und ihr persönliches Netzwerk auszubauen.

Wie lange dauert es bei ALTANA, bis Sie die Erträge eines höheren Forschungsaufwands ernten können?

Wenn wir die Eigenschaften von Spezialchemikalien lediglich geringfügig ändern, vergehen von der Produktidee bis zur Markteinführung oft nur einige wenige Monate. Bei ganz neuen Verfahren, etwa neuen Polymerisationstechnologien oder neuen Produktplattformen, kann dieser Prozess hingegen auch sehr viel länger, in Einzelfällen auch fünf bis zehn Jahre dauern. Hinzu kommt, dass die Abnehmer unserer Produkte, insbesondere die Lackindustrie, großenteils sehr konservativ sind; Formulierungen mit neuen Additiven beispielsweise müssen sehr zeitaufwändige Prüfverfahren durchlaufen. Um die Produktneueinführung zu beschleunigen, bilden wir Prozesse und Anwendung unserer Kunden praxisgerecht ab und stellen deren Arbeitsabläufe nach.

In wirtschaftlich angespannten Zeiten, wie diesen, neigen Unternehmen dazu, Forschungsausgaben zu kürzen...

Ja, die Versuchung ist sicherlich groß, weil die Erträge der Forschung meist erst in späteren Jahren anfallen, die Kosten hingegen schon jetzt. Da Entwicklungen sich über einen längeren Zeitraum hinziehen und das Wissen und die Technologie stetig und nachhaltig aufgebaut werden müssen, kann man den Geldhahn nicht einfach zu- und dann wieder aufdrehen. In der Spezialchemie besteht ganz klar ein Zusammenhang zwischen dem F&E-Aufwand auf der einen Seite und dem wirtschaftlichen Erfolg auf der anderen Seite. Wir halten daran fest, dass Forschungsausgaben eine Investition in die Zukunft sind. Als Marktführer in wachsenden und sich verändernden Märkten müssen wir auch Innovationsführer sein, nicht Nachahmer. Die für uns optimale Zielgröße für den F&E-Aufwand sehen wir bei rund fünf bis sechs Prozent vom Umsatz.

ALTANA bringt also genügend erfolgreiche Innovationen heraus. Damit ist die Wettbewerbsfähigkeit auch zukünftig zu erhalten?

Ja, und alle arbeiten daran mit. Innovation ist ja nicht allein Sache der Forschung und Entwicklung (F&E), sondern der gesamten Organisation. Auch das Top Management befasst sich damit intensiv. Am Anfang steht die Marketingstrategie, die Frage: Wo soll das Unternehmen hin? Daraus leiten wir die Plattformstrategie ab: Welche Technologien benötigen wir für unsere Marktziele? Hieraus wird dann die Innovationsstrategie hergeleitet: An welchen Projekten sollen wir arbeiten? Die Treibkräfte, die zu Innovationen führen, können prinzipiell natürlich vom Markt, vom Verbraucher, vom Kunden kommen, aber auch durch Technologiewandel, wissenschaftliche Grundlagen oder gesellschaftliche Normen oder Forderungen wie Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit ausgelöst werden.

Die Herausforderung ist ja, dass oftmals unausgesprochene Problemstellungen in Produktanforderungen übersetzt werden müssen und die Kunden heute selbst noch nicht wissen, welche neuen Möglichkeiten und Innovationen ihnen unser Wissen in fünf oder zehn Jahren bringen könnte. Unsere Mitarbeiter stehen in engem Kontakt zu den Technologietreibern, gleich ob die in den Hochschulen sitzen, bei den Lieferanten oder bei den Kunden.

Wie innovativ ist ALTANA? Wie viel investiert das Unternehmen in Forschung und Entwicklung?

Dem Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) kommt bei ALTANA eine besonders hohe Bedeutung zu. Zum Ende des Jahres 2008 arbeiteten in unserem Unternehmen rund 750 der weltweit 4800 Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung, dies sind rund 16 % der Belegschaft. Wir haben im Jahr 2008 über 72 Millionen €uro für F&E aufgewandt. Dies entspricht einem Anteil von rund 5,5 Prozent der Umsatzerlöse. Gemessen am Branchendurchschnitt ist das ein sehr hoher Wert. Die chemische Industrie setzt in der Regel drei bis vier Prozent ihres Umsatzes für F&E ein. Zu unseren Forschungs- und Entwicklungsleistungen gehören neue Produkte, die neue Funktionalitäten, neue Anwendungsmöglichkeiten, ein verbessertes Eigenschaftsprofil oder eine bessere Umweltverträglichkeiten bieten, die es unseren Kunden erlauben, sich im Wettbewerb zu differenzieren. Dazu gehören innovative Zusatzstoffe für Oberflächenveredlungen oder Oberflächenschutz aller Art.

Noch eine Zahl, die zeigt, wie innovativ ALTANA ist: Im abgelaufenen Geschäftsjahr meldeten wir 27 Patentfamilien neu an. Dabei kann eine Patentfamilie aus mehreren Patenten bestehen. Wir stehen unseren Kunden weltweit mit 46 anwendungs-technischen Laborstandorten als Schnittstelle zwischen Entwicklung und Kunde zur Seite. In diesen Labors sind kurzfristig und sehr nahe am Markt Tests unter Praxisbedingungen möglich. Wir bieten damit im Vergleich zu unserem Wettbewerb entscheidende Vorteile.

Ist ALTANA in punkto Innovation gut aufgestellt?

Ja, ALTANA ist gut positioniert. Wir verfolgen eine klare Strategie: Fokus auf langfristig wachsende und anspruchsvolle globale Nischenmärkte, in welchen wir eine führende Position beanspruchen und unsere Innovationskraft und Problemlösungskompetenz effektiv zur Geltung bringen können. Wir haben im vergangenen Jahr auch personell die Voraussetzungen dafür geschaffen, diese Kernkompetenz und damit das künftige Geschäft unseres Unternehmens sogar noch weiter auszubauen. In jedem Geschäftsbereich verantwortet und koordiniert ein Chief Technology Officer (CTO) den Innovationsprozess. Darüber hinaus wurde die entsprechende Position des CTO auf Konzernebene besetzt. Die CTO´s bilden das ALTANA Innovation Council. Dieses Gremium sorgt dafür, dass das Thema Innovation immer ganz oben auf der Agenda steht, der Innovationsprozess bei ALTANA effektiv und effizient abläuft, über das Tagesgeschäft hinaus technische und wirtschaftliche Trends identifiziert werden sowie dass im Unternehmen und extern für uns verfügbare Wissen bestmöglich und bereichsübergreifend zugänglich ist und genutzt wird.

ALTANA hält auch in der aktuellen Situation unverändert am Geschäftsmodell fest, den Kunden weltweit Problemlösungen in Form von anspruchsvollen Spezialchemieprodukten in Kombination mit einem umfangreichen Serviceangebot zu bieten. Wir sehen durch unsere Marktnähe und Innovationsführerschaft, durch unsere Flexibilität und die starke Kapitalbasis durchaus die Chance, als Gewinner aus der derzeitigen Situation hervorzugehen.