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Alles im Fluss

Fachleute nennen es Spread Coating, und dieses Verfahren hat es in sich. Es dient dazu, millimeterdünne Kunststoffschichten aus PVC-Plastisol bei extrem hohen Geschwindigkeiten auf ein Trägermaterial zu streichen sowie die neue Oberfläche anschließend zu bedrucken und zu lackieren. Die dafür nötigen Anlagen sind mitunter länger als 500 Meter. Pro Minute produzieren sie, je nach Branche, beispielsweise 30 Meter Fußbodenbelag oder 100 Meter Tapete.

Nicht nur die Geschwindigkeit stellt eine große Herausforderung dar. Das PVC-Material selbst hat seine Tücken. Ähnlich wie Ketchup fließt die viskose Masse alles andere als gleichmäßig. Um das Fließverhalten planbar zu machen, geben Hersteller deswegen sogenannte Rheologie-Additive hinzu. Doch wie viel von welchem Rheologie-Additiv passt zur individuellen Plastisol-Formulierung? Antworten liefert ein neues, einzigartiges Messverfahren von BYK. „Die damit gewonnenen Werte bieten unseren Kunden Produktionssicherheit“, betont Martin Fischer, Manager PVC / Leder Additive.

Produktionsnahe Bedingungen

Viskositätsmessungen sind in der Branche seit langem selbstverständlich. Doch so präzise die verschiedenen etablierten Verfahren auch sind, haben sie doch alle einen entscheidenden Nachteil: Sie liefern Momentaufnahmen über das Verhalten des Kunststoffs unter bestimmten Bedingungen. Die tatsächlichen Produktionsbedingungen aber mit ihren gewaltigen Geschwindigkeiten und den dabei entstehenden Kräften spiegeln sie nicht wider. 

„Genau das brauchen wir aber“, dachte sich Fischer: „Messwerte, die die Praxis unter produktionsnahen Bedingungen abbilden.“ Aber wie kann ein Chemieunternehmen diese Werte gewinnen? Für den Anwendungsmanager Fischer, ausgebildeter Chemie-Ingenieur mit Erfahrungen im Maschinenbau, lag die Antwort auf der Hand: BYK muss die Prozesse der Kunststoffverarbeiter im Labor simulieren. Dazu wiederum benötigt BYK eine eigene Beschichtungsanlage – im Kleinformat, aber mit der Möglichkeit, Produktionsprozesse nachzustellen. 

Verrückter Gedanke? Vielleicht. 

Aber die Geschäftsführung stimmte der Investition zu. Fischer begann zu planen. 2013 nahm BYK eine eigene, acht Meter lange Spread Coating-Anlage in Betrieb. 

Sie enthält alles in verkleinerter Form, was zur Produktion von Fußböden, Tapeten oder Kunstleder gehört: Abrollung, Beschichtungskopf, Warenbahnsteuerung, Trommelgelierung, Kaschierung, Trockner, doppelte Aufrollung. Hinzu kommt die ausgeklügelte Messtechnik.

Mit dieser Anlage lässt sich das Fließverhalten der PVC-Masse bei unterschiedlichen Walzengeschwindigkeiten oder Beschichtungsbreiten messen. Auf dieser Basis ermitteln die Experten bei BYK die optimale Dosis des Rheologie-Additivs für die jeweilige Formulierung.

Außerdem trägt die Anlage dazu bei, weitere Einstellungen zu überprüfen. So lassen sich beispielsweise Profil und Winkel der Messer unterschiedlich justieren, mit denen das Plastisol auf das Trägermaterial gestrichen wird. Denn es gilt zu verhindern, dass sich am Messer Tropfen bilden, die zu Makeln auf der Beschichtung führen können.

Das neue Messkonzept kommt an. PVC-Hersteller und Verarbeiter aus aller Welt nehmen den Service in Wesel in Anspruch und lassen ihre individuellen Anwendungen überprüfen. Warum? „Weil sie mit unserem Verfahren ihre Produktionsprozesse ganzheitlich nachstellen und damit auch optimieren können“, weiß Martin Fischer.